Was ist gerecht? – Kurzandacht

„Das ist unfair“ schreit es bei mir aus dem Wohnzimmer. Meine zwei Töchter sind mal wieder mit einer meiner Entscheidungen nicht einverstanden. Tja, das Leben ist eben kein Ponyhof denke ich mir und versuche mal wieder mit gebetsmühlenartiger Gelassenheit zu erklären, was gerecht ist und warum ich so entscheide. Die Argumentationskette meiner Töchter ist auch noch nicht so ganz ausgereift, meistens enden die Sätze dann mit „…sonst lade ich dich nicht zu meinem Geburtstag ein!“. Ok, na dann.
Was ist schon gerecht? Oder was ist gerechtfertigt? Wenn es um das „Haben-dürfen“ des gemeinsamen Spielzeugs geht, wie lange man noch aufbleiben oder ob man noch eine Folge „Pepper Wutz“ kucken darf ist das recht einfach.

Und in manchen Dingen eben auch nicht. Und manchmal meine ich unmöglich oder zumindest wird dann daraus schnell für mich ein sehr ungemütlicher Gedanke:
Ist es gerechtfertigt, dass ich auf Kosten der Menschen in ärmeren Ländern günstige Kleidung, Nahrung und Luxusartikel kaufe, nur weil ich aufs Geld schauen will?
Ist es gerechtfertigt, dass ich mit meinem Auto, mit den Verpackungen meiner Lebensmittel, meinem hohen Stromverbrauch einen Teil dazu beitrage unsere Umwelt zu vergiften und zu vermüllen, nur weil ich bequem leben möchte?

Ist es gerechtfertigt, dass ich mich im Discounter-Kühlregal günstig bediene und somit einer derer bin, die mitverantwortlich sind für die unglaublichen Tierquälereien in der Massentierhaltung, weil ich gerne Fleisch esse?

Mein freies Handeln hat Konsequenzen an Mensch, Tier und meiner Umwelt. Immanuel Kant meinte mal, meine Freiheit geht nur bis zur Grenze der Freiheit des Anderen. Ist mein Handeln also gerecht bzw. gerechtfertigt? Manchmal wird mein Gerechtigkeitsempfinden schon im Straßenverkehr auf einer harte Probe gestellt.

In der Bibel gibt’s da auch so eine Stelle zum Handeln Gottes und wie gerecht das ist. Jesus erzählt vom Weinbergbesitzer, der Arbeiter einstellt. Einige holt er bereits früh morgen und sie arbeiten den ganzen Tag, manche nur einige Stunden, und die letzten engagiert er erst am Abend und sie arbeiten nur eine Stunde. Am Ende des Tages erhalten sie aber alle den gleichen Lohn: ein Silberstück. Was wäre das für ein Aufmacher in der Bild-Zeitung, ein Aufschrei und Shitstorm würde durch Deutschland rauschen: „Ungerecht und gemein!“

Ich bin ganz ehrlich zu Ihnen: an dem Gleichnis hab ich wohl auch selbst noch einige Zeit zu kauen. Was aber, wenn das Silberstück genau das Einkommen damals war, das nötig war um eine Familie den ganzen Tag lang zu ernähren. Eben das, was man zum Leben braucht, um jedem ein gutes Leben zu ermöglichen. Das klingt für mich schon gerechter, und wäre wohl auch in heutiger Zeit ein gerechter Ansatz, wenn ich von den vielen einkommensschwachen Familien auch hier in Deutschland lesen, hören und sehen muss, die in Armut oder an der Armutsgrenze versuchen das Leben mit Zweit- und Drittjobs zu bestreiten. Welcher Mensch oder welcher Beruf hat denn nun welchen Lohn wirklich „verdient“? Die Gerechtigkeit Gottes ist wohl doch höher als all meine Vernunft.

Vielleicht ist manchmal Gerechtigkeit nicht, dass jeder das Gleiche bekommt, sondern vielleicht nur soviel, wie ich brauche.
Und vielleicht ist manchmal Gerechtigkeit nicht nur das Teilen, sondern auch der Verzicht auf manche Ansprüche, die ich habe.

Gott sei Dank stellen mir meine Kinder noch nicht solche Fragen. Aber vor denen muss ich mich eines Tages vielleicht auch einmal rechtfertigen. Immerhin hinterlasse ich ihnen die Welt, die ich mit begründet habe.

Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihr Diakon Thorsten Badewitz

Abgedruckt im Gemeindebrief der Kirchengemeinde St.Lorenz – St.Markus – St.Stephanus, Oktober-Ausgabe 2017

2017-11-09T13:38:17+00:00

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